Kinski in Wien (1956-1962)- Das Buch von Peter Reichelt

Autor Peter Reichelt - Das Buch "Kinski in Wien"

DER DEKLAMATOR

1956 – Kinski in Wien

"Ich kann nicht mehr! Ich bin so verzweifelt und einsam! Ich bin von allen Menschen verlassen, und sie behandeln mich wie einen Aussätzigen!“"

Klaus Kinski lebt, als er diese Zeilen im De- zember an seine von ihm geschiedene Frau Gis- linde schreibt, bereits seit über einem Jahr im no- blen 13. Wiener Bezirk Unter-St.-Veit in der Steckhovengasse bei einem Freund kostenlos zur Untermiete. Davor flüchtete er bereits aus seiner Heimatstadt Berlin und aus München. Er ist seit Jahren – nicht nur vor Gerichtsvollziehern und gescheiterten Beziehungen – auf der Flucht. Er vermißt seine 4jährige Tochter Pola, die mit ihrer Mutter Gislinde in München lebt. Kinski hatte sie kurz zuvor verlassen. Sie hatten sich scheiden lassen.

Sein längerfristig geplantes Engagement am Wiener Burgtheater war noch am Abend des 13. März 1956 – nach nur einem Auftritt – geschei- tert. Er glaubte dennoch fest an seine Weiterbe- schäftigung in der großen Rolle des Tasso. Die Di- rektion wollte ihn aber nicht mehr, er hatte „Kußhändchen“ ins Publikum geworfen – eine Todsünde im konservativen Wien. „Ein Outsider- Tasso und Fehlexperiment“, wie ihn am 9. Fe- bruar 1963 die Wiener „Presse“ sogar noch sieben Jahre nach seinem einzigen Auftritt betitelte. Für diese Rolle hatte er alles aufgegeben – nun das. Nach Berlin oder München konnte oder wollte er nicht zurück. Niemand wagte es mehr, ihn zu en- gagieren, weder im Film noch im Theater. Selbst ein Gastspiel, ab Juni 1956 als Prinz von Wales in Fritz Kortners Inszenierung von Shakespeares Heinrich IV. im Münchener Residenztheater, en- dete am 9. November im Desaster. Er soll sich „hinter der Bühne mit einigen der 160 Statisten angelegt haben, habe sogar einen in den Leib ge- treten und schließlich sein Schwert – sein Holz- schwert, ein Prinzenrequisit – gezogen“, berich- tete am 12. November die Münchener „Abendzeitung“. Im gleichen Artikel stellte sich dennoch der Stellvertreter des Intendanten hin- ter Kinski: „Das Schwert habe der Kinski auch nicht benutzt, es sei eben ein bißchen gerempelt worden und geschimpft auch.“ Es nützte nichts: Kortner wollte einfach nicht mehr, Kinski mußte gehen – zurück nach Wien. Die Beziehung zu sei- nem Lieblingsregisseur nahm einen nicht wieder gutzumachenden Schaden.1957 – Kinski und Villon

Nun – ohne Geld und ohne Job in Wien – greift er im Januar 1957 nach seinem letzten Strohhalm: der Wiederaufführung seiner Soloabende als De- klamator klassischer Texte, die er schon öfters zwischen 1952 und 1955 in Berlin und München in Kneipen vor kleinem Publikum mit teils be- achtlichem Erfolg vorgetragen hatte. Jetzt sollen sie vor einem „großen“ Publikum stattfinden. Jetzt endlich beginnt seine Karriere als „Litera- tur-Presley“. Wie ein Besessener arbeitet er nun fünf bis sechs Stunden täglich an seiner Aus- sprache, „systematisch und ohne Hysterie“, wie er im Januar an Gislinde schreibt: „Ich entwick- le mich jeden Tag mehr und der Ausdruck meiner Stimme wird immer sicherer und klarer – ich ha- be unendlich viel gelernt im letzten Jahr.“ Er ver- sorgt sich, seitdem er in Wien lebt, bei dem be- kannten Wiener Musikantiquariat Teuchtler mit alten Aufnahmen seiner von ihm verehrten Burg- schauspieler-Vorbilder Kainz und Moissi und übt und übt. Zu den Sprechübungen kommen seine Körperübungen – bis ihm schwindelig wird.

Endlich gelingt es ihm, für den 11. März die Premiere seines ersten Rezitationsabends in Wien zu buchen. Er ist Veranstalter, Regisseur und Hauptdarsteller in einer Person. „Mein Lie- bes, [...] am 11. März werde ich hier zum ersten- mal Villon sprechen, wie oft weiß ich noch nicht. [...] Laß nur erst diesen Abend vorbei sein, dann bin ich nicht mehr so nervös, Euer Nikolaus“, teilt er Gislinde am 1. März mit. Das Kleine Kon- zerthaustheater ist binnen Stunden ausverkauft. Die gesamte Wiener Presse hat sich erwartungs- voll eingefunden – und Kinski siegt. Die Kritiker der Wiener Tageszeitungen überschlagen sich mit ihren Lobeshymnen. Die „Volksstimme“ ver- meldet am 13. März: „Man war sich bewußt zu ei- nem Abend gekommen zu sein, der sich nicht in das Herkömmliche eingliedern lassen würde. [...] Er sprach mit seinem ganzen Körper, mit seinen schmalen Händen und mit Augen, die irrlich- ternd zwischen Höhen und Tiefen wanderten: ge- fühltes und gelebtes Wort bis zur seelischen Bloß- legung. Faszinierend!“ Einen Tag später schreibt„Die Presse“: „Kinski spricht die Lieder nicht nur frei aus dem Gedächtnis, sondern er unternimmt es auch, eine neue Art des Vortrages zu kreieren. Dazu gehört [...] vor allem der Scheinwerfer, der das Antlitz des Vortragenden bald mit grellem, bald mit mildem Licht bestrahlt. Dazu kommt die statuenhafte Starre des Rezitators, der un- vermittelt ekstatische Ausbrüche folgen [...]. Ei- ne derart auf Effekte beruhende Vortragsweise bringt zwangsläufig die Gefahr der Übersteige- rung mit sich, wodurch die Zwischentöne ihre Tiefenwirkung einbüßen müssen. Dann aller- dings würde dieser neue Stil dem literarischen Rock ’n’ Roll den Weg bereiten [...].“ Die 600 Zu- schauer sind begeistert.

Kinski fällt ein Stein vom Herzen. Am 15. März – er hat inzwischen eine neue Wohnung, wieder als Untermieter, diesmal in der Diester- weggasse in der Nähe von Schloß Schönbrunn – schreibt er Gislinde: „Ich war sehr aufgeregt vor meinem ersten Villon-Abend – jetzt habe ich schon 3 Vorstellungen gemacht – und für die nächsten 4–5 Abende ist ausverkauft – ich habe großen Erfolg, und ich hoffe, daß es noch länger geht – das Theater ist größer als das ehemalige Atelier-Theater in München. Aber ich verdiene pro Abend doch wenigstens 600 Schilling (100 Mark) und so bin ich für die nächsten Wochen ge- sichert. Was sonst werden wird, kann ich noch nicht sagen. [...] Ich bin fast ohnmächtig nach je- der Vorstellung, und heute (Sonntag) habe ich schon eine Vorstellung vormittags um 11 Uhr ge- geben.“

Kinski spricht nun über einen Monat lang bis zu achtmal die Woche immer wieder vor ausver- kauftem Haus seinen Villon – bis zur völligen Verausgabung. Am 31. März folgt das nächste Le- benszeichen an Gislinde. Nicht nur die neue Woh- nung an der vielbefahrenen Hadikgasse macht ihm schwer zu schaffen: „Für mich ist jede Stun- de hier wie eine Ewigkeit in der Hölle. Diese Woh- nung ist fast das Schlimmste, was ich in der Be- ziehung je ertragen habe – und ich brauche so sehr Ruhe.“ Am 7. April schreibt er an Gislinde: „Ich bin sehr erschöpft, denn ich spreche das gan- ze Programm jetzt jeden Abend – und Du kannst

Dir vielleicht vorstellen, was es bedeutet, fast 2 Stunden allein seine ganze Seele zu entblößen – heute abend ist es das 12. Mal, daß ich hier den Villon vortrage – bis jetzt war es immer ausver- kauft – und die Leute sitzen 2 Stunden lang atem- los und wagen nicht, sich zu rühren – ich bin sehr dankbar und froh darüber – gestern haben Zuschauer gesagt, daß sie seit der Duse nichts derartiges mehr gesehen haben wie mich – ich bin natürlich unvergleichlich besser als früher – sprachlich viel reifer und souveräner geworden – und mein Ausdruck ist gewaltiger und tiefer als früher – Du wirst ja auch mal Gelegenheit haben, mich als Villon zu hören.“

Zwischenzeitlich ist auch die Schallplatten- firma Amadeo auf Kinski aufmerksam geworden.

Stolz schreibt er im gleichen Brief weiter: „Eine Schallplattenfirma wird jetzt Aufnahmen von mir machen und mich am Gewinn beteiligen! Wieviel ich damit verdiene, kann man im voraus nicht sa- gen – aber jedenfalls werden sie Langspielplatten machen, die beiderseitig eine volle Stunde Spiel- dauer haben – und man wird die Platten dann überall kaufen können – in Deutschland, Öster- reich und in der Schweiz – und Du wirst sie dir anhören können, so oft Du willst! Die Aufnahmen werden wahrscheinlich in 1–2 Wochen zu Ende sein – einen Teil haben sie schon aufgenommen. Sofort werde ich wahrscheinlich kein Geld dafür bekommen – sicher nur eine Anzahlung, aber es ist ja wichtig, daß die Aufnahmen überhaupt ge- macht werden. [...], außerdem wollen sie später vielleicht noch weitere Schallplattenaufnahmen von mir machen. Ich werde dann Monologe aus berühmten Rollen sprechen.“ Das war im April 1957 und mutet hellseherisch an, denn genau fünf Jahre später sollte Kinski tatsächlich mit seinen Großen Monologen auf Tournee durch Deutschland und Österreich gehen.

In den folgenden fünf Jahren nimmt Kinski insgesamt 35 Singles und Langspielplatten bei drei verschiedenen Plattenfirmen auf. Zeitweise erscheinen drei Platten gleichzeitig. Er geht mit einer verkauften Millionenauflage als erfolg- reichster Rezitator aller Zeiten in die „Musikge- schichte“ ein.

Im bereits zitierten Schreiben schildert er Gislinde illustrativ den Ablauf seines Wiener Vil- lon-Bühnenauftrittes: „Du wolltest noch wissen, wie ich den Villon hier spreche – Die Bühne ist schwarz mit Vorhängen abgeschlossen – ich selbst trage ein langes schwarzes kuttenartiges Gewand, so daß das Schwarz des Kostüms in die dunklen Vorhänge übergeht und nur das Gesicht und die Hände die ganze Aufmerksamkeit auf sich lenken – zwischen den einzelnen Balladen verlöschen die Scheinwerfer und das Licht im Zu- schauerraum geht an – ich verlasse dann kurz die Bühne einen Augenblick – spüle den Mund etc., dann wird das Licht im Zuschauerraum wieder ausgeschaltet – ich trete im Dunkeln auf die Büh- ne, und die Scheinwerfer, die genau auf mich aus- gerichtet sind, erfassen mich von neuem – das wiederholt sich den ganzen Abend – nach der10. Ballade ist eine Pause – denn ich spreche 15 Balladen – und das große Testament dauert allein fast eine halbe Stunde.“

Bis Ende April tritt Kinski noch 30mal mit diesem Programm vor ausverkauftem Hause auf. Trotz seiner großen Erfolge belasten ihn weiter seine Geldsorgen. Von den Einnahmen kann er nicht leben. Er hat für seine Tochter Pola und an seine Frau Unterhaltszahlungen zu leisten. Außerdem muß er seine neue Wohnung in der Kettenbrückengasse finanzieren.

Er nimmt eine weitere Bühnenrolle im Klei- nen Konzerthaustheater an und beginnt mit den Proben zu dem Stück Fortsetzung auf Seite 2 von Michael Clayton Hutton, das am 9. Mai Premie- re haben soll. Seit fünf Jahren möchte Kinski das Stück, das für ihn von einem deutschen Verlag angekauft, übersetzt und bearbeitet worden war, spielen. Diese Doppelbelastung macht ihm sehr zu schaffen. So schreibt er am 22. April an Gis- linde: „Ich kann es mir nicht leisten, länger als 1 Tag von den Proben fernzubleiben. Die Rolle, die ich geben werde, ist wie für mich geschaffen – aber es ist ein furchtbares Schicksal, das ich dar- zustellen habe – und ich brauche viel Ruhe und Abgeschlossenheit [...]. Den Villon habe ich jetzt über 20mal gegeben, und ich werde bis Ende April auf 25 Abende kommen. Was neuerdings aus den Schallplattenaufnahmen wird, weiß ich nicht – ich werde mir aber unter allen Umständen die Bandaufnahmen kopieren lassen.“

Nur eine Woche später folgt am 5. Mai bereits der nächste Brief: „Ich war so still, weil ich viele Sorgen habe und die Kunst nimmt immer mehr jeden Atemzug meines Lebens für sich. [...] Mei- ne Arbeit hier ist sehr deprimierend – ich habe fast nur mit Dilletanten zu tun, und ich werde im- mer unduldsamer je reifer ich werde – und das werde ich mit jedem Tag – fast mit jedem Augen- blick [...]. Bis Ende nächster Woche bekomme ich selbst nichts – die Premiere ist Freitag den 10. Mai [...].“ Mit viel Vorschußlorbeeren bedacht, geht die Premiere über die Bühne. Doch diesmal reagiert die Presse mit Verrissen. Auch beim Pu- blikum fällt das Stück durch. Das sind für Kin- ski vollkommen neue Erfahrungen. Er ist zutiefst verunsichert, wie aus seinem Brief an Gislinde vom 25. Mai hervorgeht: „Dieses Stück, in dem ich jetzt auftreten muß, geht sehr schlecht – die Menschen, die es gesehen haben, sind sehr er- schüttert, aber es hat eine schlechte Presse ge- habt. Vielleicht macht das doch sehr viel aus. Die- se Wiener verbringen die Hälfte des Tages damit, Zeitung zu lesen – und die meisten machen sich gar nicht die Mühe, sich selbst zu überzeugen, ob es gut oder schlecht ist, worüber man schreibt – und wer von denen kann es schon beurteilen. An einem Abend mußte die Vorstellung abgesagt werden, weil nur 6 Leute gekommen waren. Ich bin selbst sehr betroffen davon, denn bis jetzt sind die Menschen immer gekommen, wenn ich aufgetreten bin! Es ist auch wohl eine schlechte Jahreszeit für Theater – hier sind die Tage be- sonders am Abend schon lange sehr heiß, aber ich hoffe trotz allem, daß es langsam besser wird.“ Auch mit der Zahlung seiner Gage hapert esdiesmal. „Sie haben mir für die letzten Vorstel- lungen nur die Hälfte von dem bezahlt, was ich pro Abend bekomme, weil sie einfach nicht mehr in der Kasse hatten – es ist erbärmlich, aber ich bin machtlos dagegen [...].“ Er setzt nun seine ganze Hoffnung auf ein Engagement unter Fritz Kortner an den Münchener Kammerspielen. „Ich habe einen langen Brief an Kortner geschrieben! Ich glaube ganz fest daran, daß er die nächste Ar- beit mit mir macht.“ Vergebens. Am 8. Juni wird Fortsetzung auf Seite 2 schließlich abgesetzt. Auch mit den Villon-Auftritten ist es vorerst vor- bei. Kinski stürzt erneut in eine Depression.

Das Burgtheater will sich an eine Vertragser- füllung mit ihm nicht mehr erinnern. Kinski möchte die Hauptrolle in Torquato Tasso unbe- dingt weiterspielen, auch wenn es gerichtlich durchgesetzt werden müßte. Monatelange Ver- handlungen mit dem Intendanten Rott führen zu keinem für Kinski positiven Ergebnis. Er schreibt am 29. Juni an Gislinde: „Die Menschen demüti- gen mich, wo sie können, ich weiß nicht, was sie davon haben und ich bin auch machtlos dagegen geworden. Ich habe es immer wieder versucht, ich habe gebettelt, daß man mich auftreten läßt, denn ich will ja nur arbeiten. [...] Warum hassen sie mich jetzt?! Ich weiß nicht, was ich verbrochen habe, daß sie mich wie einen Aussätzigen behan- deln – aber selbst wenn es so wäre, so hat doch Gott allein das Recht, zu strafen – [...] ist es denn ein Verbrechen die Wahrheit zu sagen? Das allein ist es, warum die Menschen mich hassen! Warum sie sich verschwören gegen mich – warum sie mich lieber tot wissen wollen als lebendig.“ Kin- ski glaubt in diesen Jahren an die Gerechtigkeit. Das läßt ihn überleben.

Monat um Monat vergeht in Wien. Er ist nun nicht mehr allein. Seit den Proben zu Fortsetzung auf Seite 2 lebt Kinski mit einer jungen Schau- spielerin zusammen. Sie ist geschieden und hat eine kleine Tochter, etwa im Alter seiner Tochter Pola. Im November findet er auch eine neue Woh- nung, die letzte während seiner Wiener Zeit: im legendären Ringstraßenpalais zur Untermiete, keinen Steinwurf von der Wiener Hofburg entfernt. Im Dezember lernt Kinski dort den Klagenfurter Theaterregisseur Herbert Wochinz kennen. Wochinz möchte ihn für sein neues Thea- ter am Fleischmarkt, dessen Eröffnung er für den Februar 1958 plant, engagieren. Kinski könnte im Zweipersonenstück Escorial von Michel de Ghelderode den König spielen und mehrere Rezi- tationsabende mit Gedichten von Rimbaud und Villon geben. Kinski sagt begeistert zu. Zusätz- lich unterschreibt er einen Vertrag mit dem Thea- ter in der Josefstadt für eine Hauptrolle in dem Stück Die erste Legion, die Premiere ist für den 2. April 1958 vorgesehen.

1958 – Das Theater am Fleischmarkt gibt Rimbaud und Ghelderode

Die Verhandlungen mit dem Burgtheater in Wien wegen seiner Tasso-Verpflichtung ziehen sich nun schon mehr als 18 Monate hin. Endlich er- klärt sich die Direktion bereit, eine Abschlags- zahlung zu leisten. Kinski am 18. Dezember 1957 an Gislinde: „Diese Kanaillen haben mir tatsäch- lich nur ein Drittel von dem Geld gezahlt, das ich für die ausgefallene Zeit hätte kriegen müssen! Ein Drittel! Das heißt, daß ich bis Mitte Januar nicht einen Pfennig mehr zum Leben habe!“ Rechtsanwalt Dr. Pichler nimmt sich des Falles an und schlägt dem Burgtheater im Namen Kin- skis vor, ihn ab der kommenden Saison in der Hauptrolle in Der Prinz von Homburg gastieren zu lassen. Dieses Ansinnen lehnt die Direktion je- doch brüsk ab. Schließlich reicht Kinski Ende Ja- nuar 1958 beim Arbeitsgericht Wien Klage gegen die „Republik Österreich, Bundestheaterverwal- tung Wien“ ein. Er fordert eine Nachzahlung von rund DM 30.000.

Kinski bemüht sich verzweifelt um weitere Auftrittsmöglichkeiten an verschiedenen Thea- tern, bei deren Suche ihn Gislinde in München tatkräftig unterstützt. „Was sind das für Leute, die mich für die Freilichtaufführung haben wol- len? Gib ihnen meine Wiener Adresse und sage ihnen, daß sie mir die Bedingungen mitteilen sol- len, unter denen ich dort arbeiten soll! Ich ver- lange monatlich mindestens 4.500 Mark! Man kann sich natürlich auch auf ein Probenhonorarund Abendgage einigen – dann erhöht sich die Abendgage natürlich! Also bitte, sie sollen mir schreiben – gleich, damit ich disponieren kann!“ schreibt er ihr am 25. Januar.

Die Monate Januar bis März verbringt er bis zu 16 Stunden täglich auf zwei verschiedenen Bühnen mit Proben für drei Produktionen. Am 24. März ist die Premiere im Theater am Fleisch- markt: Kinski spricht Arthur Rimbaud, in zehn Akten. Mehr als 250 Besucher drängen sich in das seit langem ausverkaufte Haus. Die „Volks- stimme“ rezensiert am 27. März: „Die Bühne ist schwarz ausgeschlagen. Nach einer die Span- nung raffiniert steigernden Wartezeit hebt der Lichtkegel des Scheinwerfers endlich eine Ge- stalt aus dem Dunkel: Orangerotes, knöchellan- ges Sackkleid, schwarze Strümpfe, Turnschuhe; über dem entblößten, muskulösen Hals ein fahles Gesicht mit vorstehenden Backenknochen, mit blauen Augen, die sich ins Nichts hineinzubren- nen scheinen, und mit einem Mund, der sich ver- zerrt und manchmal Geifer spritzt. [...] Man möchte sich mitreißen lassen von so viel Fana- tismus und man möchte gleich darauf sich weh- ren gegen so viel Theater. Ob dieses Theater ehr- lich durchlebt oder nur minuziös einstudiert ist, bleibt bis zum Schluß ungewiß.“

Im gleichen Monat feiert Kinski im gleichen Theater auch mit Escorial große Erfolge. Ebenso mit seinem dritten Stück, Die erste Legion, das er nun auch noch im Theater in der Josefstadt spielt. Die finanzielle Lage verbessert sich nicht, er hat immer noch Schulden. Am 21. April schreibt er an Gislinde: „So kommt einer nach dem anderen, alle fordern und alle drohen! – und obwohl ich wirklich wie ein Vieh schufte – ich mußte an manchen Tagen in drei verschiede- nen Stücken auftreten, fast täglich aber in 2 Stücken –, trotzdem ich also meine ganze Kraft hergebe, hatte ich oft nicht so viel zu essen, wie ich unbedingt gebraucht hätte, um genügend Kraft zu haben. Mittag esse ich sowieso so gut wie nie. Aber heute Mittag habe ich zum Beispiel nicht einmal ein Stück Brot – obwohl ich gestern Nachmittag und abends aufgetreten bin, heute Vormittag bereits ganz allein eine Rimbaud-Matinee gegeben habe und heute Abend wieder auftreten muß. [...] Ich habe mich schon mit dem einen Theater völlig verkracht, weil sie mir bis nächste Woche keinen Vorschuß geben wollen. [...] Es ist tragisch, daß ich für die Theaterver- träge – die ich nun einmal an den beiden Thea- tern hier habe – 2 Filme nicht annehmen konnte. [...] Außerdem mußte ich ein Angebot der Fest- spiele in Recklinghausen ablehnen, das mir allein in 5 Wochen 10.000 DM gebracht hätte! Das alles ist furchtbar – aber nicht zu ändern – und es ist für mich ein Zeichen, daß solche Angebote wieder- kommen werden, und bessere. [...] Manchmaldenke ich zwischen den verschiedenen Vorstel- lungen, daß ich ohnmächtig werde – aber ich hal- te durch – nur darf man mich nicht von allen Sei- ten jagen.“ Es kommt noch schlimmer, er fühlt sich von einem Theater um 7.000 Schilling hintergangen. Gislinde erfährt davon aus seinem Brief vom 16. Mai 1958, er hat dennoch Zukunfts- perspektiven: „Ich werde am 8. Juni das erste Mal in Berlin auftreten, ich gebe dort das Pro- gramm von Rimbaud.“ Am 12. Mai gibt er seinen letzten Rimbaud-Abend in Wien.

1958 – Mit Rimbaud in Berlin

Ende Mai fährt Kinski nach Berlin, um dort sei- ne Auftritte in den Kammersälen der Kongreß- halle vorzubereiten. Auf seinem Spielplan steht außer Rimbaud auch wieder Villon, mit dem er in Berlin zuletzt 1952 im Café Melodie als 26jähri- ger Rezitator – noch vor weniger als 50 Besu- chern pro Auftritt – erste Erfolge feiern konnte. Doch diesmal spielt er in Berlin vor „großem Pu- blikum“. Über 2.000 Zuschauer erwarten ihn am 8. Juni. Seine Aufführung wird zu einem trium- phalen Erfolg. Der Berliner „Tagesspiegel“ kon- statiert am 11. Juni: „Natürlich ist das alles bis ins Kleinste überlegt und gefeilt, erprobt und dem Effekt untertan gemacht. [...] Ein Vulkan schleudert seine Lava in den satten blauen Him- mel einer satten, selbstzufriedenen Welt. Und wenn er weint, schluchzt, wie ein geiler Urfaun kreischt, lallt; wenn er schweigt, so ist das aus der weitgespannten Skala menschlicher Empfindun- gen geschöpft. Aber wo sind die Grenzen? Es gibt ein untrügliches Merkmal für sie: Wenn man nicht mehr hinsehen kann, wenn der tobende, ra- sende, schmeichelnde, schwitzende, mit glitzern- den Augen betrunken machende Moissi-Kinski- Rimbaud in den Augen schmerzt. [...] Ein interessantes Erlebnis. Der Beifall war stark.“

In den folgenden Tagen spielt er noch viermal Rimbaud vor vollem Haus in der Kongreßhalle, um dann noch an gleicher Stelle Anfang Juli drei Abende mit Villon zu absolvieren. Es ist für Kin- ski ein gelungenes Comeback in seiner Heimat- stadt, der er schon Anfang der 50er Jahre den Rücken kehrte, um seiner Frau Gislinde und sei- ner Tochter Pola nach München zu folgen. „Die Kunstjünger sind begeistert über so viel Sexual- getobe, über den plastischen Traum der Schwüle und der Revolte, über die Manie, „anders“ zu sein. Und unsere kranke Großstadtjugend erbaut sich an ihrem Leiden oder lernt noch zu“, kommentie- ren die „Aachener Nachrichten“ am 20. Juni Kinskis Berlin-Auftritte. Trotz ausverkaufter Abende werden Kinskis finanzielle Hoffnungen nicht erfüllt. Enttäuscht schreibt er kurz vor sei- nem ersten Villon-Abend am 2. Juli aus Berlin an Gislinde: „Die Wahrheit ist, daß ich auch hier nur geschuftet habe – für nichts – der Erfolg interes- siert mich nicht mehr – denn ich habe mich um- sonst abgeschunden. Ich habe mich verrechnet – mit allem – mit dem Geld, mit diesen Kanaillen hier und mit dem Ekel davor, der mich fast um-bringt. Ich hätte normalerweise viel verdienen müssen, das Theater war voll, aber diese unfähi- gen Schweine haben so viel Geld für die Reklame gebraucht – die ich zahlen mußte! –, daß ich die ganze Zeit fast nichts bekommen habe – mit Vil- lon wird es vielleicht besser werden.“ Leider wur- de es nicht besser. Wenige Tage später fährt er mit geliehenem Geld zurück nach Wien, um dort ein neues Rezitationsprogramm vorzubereiten.

Im September muß Kinski erneut nach Ber- lin. Er verhandelt mit dem Brecht-Theater über ein längerfristiges Engagement: „Ich habe jetzt mit dem Berliner Ensemble – das ist das Theater von Brecht und das beste deutschsprachige En- semble im Augenblick! – weitere Besprechungen gehabt! Sie wollen mich engagieren, für minde- stens ein Jahr für eine feste Gage – aber auch das ist erst für das nächste Jahr! Ich muß also vor- läufig meine eigenen Programme machen, bis sich etwas anderes entscheidet! Für das neue Programm muß ich die nächsten 4 Wochen wie ein Ochse schuften – am 23. Oktober trete ich in Wien zum ersten Mal auf, wenn es gut geht, kann ich dabei verdienen!“ läßt er Gislinde am 24. Sep- tember aus Berlin wissen.

1958 – Kinski spricht Hauptmann

Nach nur vier Wochen Proben prangt es groß von den Plakatsäulen der Wiener Innenstadt: „Kin- ski spricht Hauptmanns Novelle Der Ketzer von Soana – frei aus dem Gedächtnis – Eintritt ab 6 Schilling“. Premiere ist am 22. Oktober im Kon- zerthaus. Walden, der Feuilleton-Rezensent der Wiener „Arbeiter-Zeitung“ vom 26. Oktober, sieht in Kinskis Auftritt „das kulturelle Abenteuer“ und schildert eindrucksvoll das Verhältnis zwi- schen Kinski „und seiner Gemeinde“ an diesem Abend: „Die vielen jungen Leute sind gekommen, um Klaus Kinski zu hören. Auf dem Podium ist ein hohes, schwarz drapiertes Gerüst aufgestellt, vor welchem Klaus Kinski, im schwarzen Prie- stergewand, Aufstellung nimmt. Der begeisterte Applaus, der ihn empfängt, ist der einer Gemein- de. Nun, es ist nicht üblich, Novellen auswendig vorzutragen. Da ist aber ein junger Künstler, der

neue Wege zu gehen versucht, und er ist imstan- de, mit Gerhart Hauptmann einen recht geräu- migen Saal mit Jugend – der ob ihres mangelnden Interesses an kulturellen Dingen vielgelästerten Jugend – zu füllen. Das ist Grund genug, das Phä- nomen Kinski so ernst wie nur möglich zu neh- men. [...] Überzeugt er? Da ist ein Mut zur Pause, der zum Über-Mut wird: man weiß anfangs nicht, dient sie noch der Spannung oder ist der Rezita- tor steckengeblieben? Sodann bemerkt man, fast wider Willen, Diskrepanzen zwischen Inhalt und Vortrag. Da spricht Hauptmann etwa von einem ‚leisen Schreck‘; dem Vortragenden versagt vor Entsetzen die Stimme. Hauptmann schildert ei- ne den Berghang emporschwellende Blumenflut, Kinski skandiert den Text mit asketischer Ver- bissenheit. Mitunter spielt Kinski den Text dra- matisch aus, und wir ertappen uns bei Trug- schlüssen und Gedankenfallen: Weil er das auf der Bühne nie so spielen könnte, muß das wohl der Stil sein, in dem man Novellen dramatisch vorträgt? Wir haben darin noch wenig Erfahrung. [...] Aber würde ein Dirigent es wagen, ein Mu- sikstück mit soviel Eigenwillen zu interpretieren, man würde den Bolero von Ravel, man würden den Donauwalzer nicht wiedererkennen. Zu alle- dem spielt noch der Scheinwerfer – wohl, um die Kapitel zu markieren, nahmen wir anfangs an. Aber da verlischt er plötzlich ohne sichtliche Mo- tivierung, er blendet auf, er zieht sein Licht ein, wird heller. Hat sich der Elektrotechniker in der Partitur geirrt, gehört es so? Bald wissen wir das auch nicht mehr.

Klaus Kinski ist zu Ende. Applaus braust auf, wie ihn der Mozart-Saal noch selten gehört haben dürfte. Und wie in einer Emulsion sich mit der Zeit die schwerere von der leichteren Flüssigkeit scheidet, so drängt ein Teil des jungen Publikums nach vorn an die Podiumsrampe, ein Teil bleibt zurück, junge Menschen, die nicht applaudieren, aber sich gleichfalls, mit beinahe erschreckten Mienen, von dem Spektakel nicht trennen kön- nen, das sich ihnen bietet. Klaus Kinski steht, Blumen im Arm, auf dem Podium, er verbeugt sich, verharrt minutenlang in gebückter Haltung, es gleicht mehr dem Ritual eines buddhistischenMönchs. Dann reckt er sich mit bleichem und trä- nenüberströmten Gesicht empor, verteilt Kuß- händchen. Direkt vor ihm starrt ein junges Mäd- chen zu ihm empor, sie applaudiert nicht, sie hält die Hände gefaltet wie vor einem Heiligen. Ver- zückung im Saal, Erwachsene spenden verlegen Beifall, geben sich geschlagen, wissen selbst nicht recht, was geschehen ist ... [...] Freilich, ob diese Art von künstlerischer Andacht wirklich um so- viel beglückender ist als die Ekstasen vor Elvis Presley? Wir haben hier wie dort ein junges Au- ditorium, das sich betäuben lassen möchte, dort von hektischen Rhythmen, hier von einer hekti- schen Stimme. Das soll kein Vorwurf sein, nur ei- ne Konstatierung. [...] – Gespräch zweier junger Besucherinnen beim Verlassen des Saales: ‚Und was hat dir daran am besten gefallen?‘ ‚Er‘!!!“

Klaus Kinskis Einmanntheater wandert An- fang November weiter nach Berlin. Diesmal spricht er sein neues Programm vor einem zu mehr als zwei Dritteln besetzten Konzertsaal der Hochschule für Musik und das an einem Sonn- tagvormittag. Am 11. November schreibt er aus Berlin an Gislinde: „[Und] fast der gesamte Ver- dienst gerade für Hotel und Reisekosten gereicht hat – und mein einziger Anzug, den ich noch ha- be, ist kaputt – nach meinem Auftritt in Berlin fahre ich nach Wien zurück, wo ich Weihnachten ein neues Programm – die Märchen von Oscar Wilde – spreche – diesesmal trete ich in dem größ- ten Konzertsaal auf, den es in Wien gibt – wo sonst die Philharmoniker spielen – und der Ver- dienst wird sehr hoch! [...] Am Weihnachtsfeier- tag will ich dasselbe Programm in dem größten Berliner Kino machen – und Anfang Januar gehe ich – wenn alles gut geht – mit Villon und Rim- baud auf eine 6wöchige Tournee durch Deutsch- land, Österreich und die Schweiz. Auf dieser Tournee – die hoffentlich zustande kommt – wer- de ich das meiste Geld bekommen!!“ Aber es kommt zu keiner Tournee. Er findet trotz seiner gestiegenen Popularität noch keinen Veranstalter, der es wagt, mit ihm durch die Lande zu ziehen.

Kurz vor dem Jahreswechsel kehrt Kinski nach Wien zurück, um dort sein nächstes Projekt zu beginnen. Er möchte ein eigenes Theater

gründen und sucht nun großzügige Sponsoren. Auf einer Pressekonferenz diktiert er den Jour- nalisten am 29. Dezember in ihre Notizblöcke, daß die möglichen Mitglieder seines Theaters „al- le bedingungslos bereit sein müßten, seine Ziele anzustreben und verwirklichen zu helfen“. Denn dieses Projekt – er denkt insbesondere an das seit Herbst geschlossene und damit leerstehende Theater am Fleischmarkt in der Drachengasse, in dem er noch ein halbes Jahr zuvor Erfolge feiern konnte – scheiterte bisher an Finanzierungs- schwierigkeiten. Kinskis Wunschtraum eines ei- genen Kinski-Theaters sollte sich jedoch niemals erfüllen.

1959 – Nun Brecht

Im Januar beginnt er mit der Vorbereitung seines neuen Programms: Kinski spricht Brecht. Die Premiere ist für den 9. April in der Wiener Stadt- halle vorgesehen. Erstmalig bereitet er zusam- men mit einem Bühnenpartner sein Programm vor. Er wird von seinem Freund, dem Berliner Gi- tarristen Ingo Wetzger begleitet. Wetzger sorgte auch für die musikalische Untermalung der Kin- ski-Schallplattenproduktionen von Romeo undJulia sowie Hamlet. Auf Kinskis Brecht-Pro- gramm steht u. a.: Ansprache an einen OchsenAn meine LandsleuteBallade vom Weib und dem SoldatenJudenhure Maria Sanders und Kinder- kreuzzug.

Zwei Tage vor der Premiere sorgt Kinski am 7. April mit seiner ersten von ihm abgehaltenen Autogrammstunde in der Buchhandlung Herzog für ein Verkehrschaos auf der Mariahilferstraße, der belebtesten Einkaufsstraße in Wien. Er wird von seinen Fans stundenlang wie ein Popstar ge- feiert. Die Stadthalle ist ausverkauft. Alle hatten einen reinen Rezitationsabend von Kinski erwar- tet, doch er überrascht, denn diesmal singt er auch.

„Es hat uns nicht verwundert, daß Kinski zum Beispiel im Barbara-Song aus der Dreigroschen- oper, im Anfang seines Programms, den Bänkel- ton, in dem das Lied der Tellerwäscherin gesun- gen gehört, zerriß, die Fortes flüsterte und die Pianos brüllte. Nun, man kann Intensität durch gepreßtes Flüstern ausdrücken. Wer weiß, ob Fi- sches Nachtgesang nicht, unter Fischen, eine Predigt ist? Doch dann geschah in der Stadthalle das Ergreifende: Brecht siegt über Kinski, und Kinski – läßt sich Besseres über sehr echtes Künstlertum sagen? – verkündete diesen Sieg Brechts. [...] Wir spürten, warum Kinski dem jun- gen, dem sich suchenden, bloß antibürgerlichen Brecht noch eine gewollte, eine artistische Origi- nalität entgegen stellte und warum Kinski mit dem späten Brecht zum Original verschmolz. Das Publikum der Stadthalle hat nun – dem Publi- kum der Wiener Theater voraus – den Schritt zu Brecht getan“, schrieb der Feuilletonist Kauer am 12. April in seiner Kritik in der „Österreichi- schen Neuen Tageszeitung“.

Amadeo Wien, Kinskis Plattenfirma, ließ die- sen Brecht-Abend live aufzeichnen. Wegen recht- licher Auseinandersetzungen mit den Brecht-Er- ben mußten nach Pressung der Schallplatten sämtliche Exemplare – mehr als 100.000 – ver- nichtet werden. Kinski hatte die Texte ohne Rücksprache „aktualisiert“ und für sich „pas- send“ gemacht.

Trotz guter Kritiken, auch sein Berliner Brecht-Auftritt im Titania-Palast Anfang Mai war ausverkauft, ist auch dieses Programm für Kinski kein kommerzieller Erfolg, da ihm seine Abendgage „abhanden“ kommt. Sein alter Ju- gendfreund Thomas Harlan, Sohn des Filmregis- seurs Veit Harlan und zu dieser Zeit Leiter des Jungen Ensembles in Berlin, hatte Kinski ein Jahr zuvor Auftritte mit Villon und Rimbaud in den Kammerspielen ermöglicht. Beide waren in Deutschland Anfang der 50er Jahre als „Die ver- rückten Wunderkinder“ berühmt und berüchtigt. Kinski war nach diesen Abenden von Harlan für fünf Auftritte in der Berliner Kongreßhalle im voraus bezahlt worden, hatte sich aber dort nur zweimal produziert. Daraufhin verklagte Harlan Kinski und läßt jetzt mit einem Pfändungsbefehl seine gesamte Gage (DM 1.091,10) an der Thea- terkasse pfänden. Die „Abendzeitung München“ vom 5. Mai bemerkt: „Kinski gab nach Schluß der Veranstaltung eine unprogrammgemäße Vorstel- lung. Wütend und unter nicht druckreifenWorten zerriß er Pfändungsbefehl und Quittung, die man ihm an Stelle der Gage aushändigte.“ Kinski bleibt noch bis zum 12. Juni in Berlin. Denn an diesem Abend beginnt seine Auftritt-Se- rie im Berliner Theater, zuerst mit Villon, dann folgt am 15. Juni Rimbaud, am 16. Juni Haupt- manns Ketzer von Soana und schließlich endet das „Maxi-Programm“ am 19. Juni mit den Schönsten Märchen der Weltliteratur von Oscar Wilde. Nach diesen erfolgreichen Abenden vor vollem Haus – er durfte seine gesamte Gage oh- ne „Probleme“ einstreichen – fliegt er zurück nach Wien.

1959 – Kinski in Wien vor 80.000 Zuschauern

Kinski tritt nun noch einmal mit seinem Brecht- Programm, diesmal ohne „Gitarren Ingo“, auf. Anlaß waren die VII. Weltfestspiele der Jugend und Studenten für Frieden und Freundschaft. 80.000 Zuschauer haben sich am schwülwarmen Abend des 1. August auf dem Heldenplatz ver- sammelt. Um 18.30 Uhr beginnt die „Feier für den Frieden und die Freundschaft zwischen den Völkern, gegen Atomwaffen, für Abrüstung und friedliche Koexistenz“. Der Höhepunkt der Feier- lichkeiten: Kinski beginnt um 21 Uhr seinen Auf- tritt.

„Ganz allein steht er auf der Bühne. Klaus Kinski: ‚... sagt laut, Ihr wollt nicht in Ruinen le- ben ...‘ ruft er den Menschen zu, erinnert sie, daß es ihre Aufgabe ist, den Kindern das Leben zu schenken und nicht ihren Tod zu verschulden. Weit breitet er die Arme, mächtig und fordernd wird seine Stimme: ‚Ich bitt’ Euch, lasset Eure Kinder leben!‘ Eine Sekunde noch liegt die Stim- me über dem Platz, ehe der Beifall einsetzt“, schreibt die „Volksstimme“ am 4. August über sei- ne Open-Air-Rezitation.

1959 – Schiller und Hoffmeister

Kinski wagt sich an Schillers Balladen. Diesmal bleiben ihm nur drei Monate, um diesen Klassi- ker auf die Bühne der Wiener Stadthalle zu brin- gen. Im selben Zeitraum beginnt er in Berlin mit

den Proben für das Arthur-Schnitzler-Stück Der grüne Kakadu. Er spielt den Henri, Vera Tsche- chowa dessen Ehefrau.

Doch zuvor muß er seinen Schiller-Abend in Wien überstehen. Es wurde ein recht „kühler“ Abend, an diesem 9. November, wie die Wiener Zeitung konstatiert: „Kinski im Clinch mit Schil- ler [...]. Daß Kinski aber dann tatsächlich in den Ring stieg, und zwar gegen Schiller, daß er noch dazu – wohl weil er sich auf seinen Gegner nicht richtig einstellen konnte – eine unfaire ‚Gangart‘ einschlug, dies trägt ihm eine Qualifikation ein, die sich vor sportlichen Maßstäben und dem da- zugehörenden Idiom nicht zu scheuen braucht. Klaus Kinski hat etwas von einem Rock-’n’-Roll- Sänger an sich. [...] Kinski zittert immer mit dem rechten Knie, seine Augen tränen immer und sein Mund schäumt konstant, egal ob er Villon, Rim- baud, Hauptmann oder Schiller spricht. [...] Die ganze kulturelle Halbpotenz war hier versam- melt, teils bärtig, teils schlurfig, zumeist mit Roll- kragenpullover und durchweg mit gespreiztem Gesicht. [...] Immerhin bleibt bei den Schiller- schen Balladen der kunstvolle, nach wie vor pak- kende dramatische Aufbau und eine Sprache von zwingender Dynamik. Ihre Bühnennähe macht sie zum Lesen ungeeignet, prädestiniert sie zum Vortragen oder besser noch zum Vorspielen. Sie verlangen also gleichermaßen einen guten Spre- cher und einen vollblütigen Komödianten. Kins- ki ist – mit Vorbehalt – ein guter Sprecher zu nen- nen. Er begeistert sich an seinem hervorragenden stimmlichen Material, vergißt aber darüber, eini- ge technische Kardinalfehler auszumerzen. So rollt er zum Beispiel alle End-‚R‘ [...]. Seine Re- gelwidrigkeiten kommen aber weniger vom tech- nisch-sprachlichen als von der ‚unfairen‘ Art, wie er den Text behandelt.“

An diesem Abend ist auch der legendäre Kon- zertveranstalter Heinz Hoffmeister aus Mann- heim, Inhaber der damals größten Konzertagen- tur Europas, in der Halle, um Kinski „live“ zu erleben. Er wittert ein Geschäft. Sein Sohn, Klaus Hoffmeister, seit 1960 Inhaber der Kon- zertdirektion, erinnert sich: „Mein Vater erlebte Klaus Kinski zum erstenmal im November 1959in der Stadthalle Wien. Dort rezitierte er Schiller- Balladen. Diese Begegnung mündete in einen Vertrag, spontan abgeschlossen in der Künstler- garderobe der Halle wenige Minuten nach Ende des Abends. Von Klaus Kinski war mein Vater an diesem Abend begeistert, vielleicht ließ er sich auch beeindrucken vom Publikum, das enthusia- stisch reagierte und ihn mit Ovationen verab- schiedete. Mein Vater, der im Dezember 1960 ver- starb, bot ihm eine Tournee durch Deutschland und Österreich für das Frühjahr und Herbst 1960 (40 Vorstellungen) und für 1962 (70 Vorstellun- gen) an und eine Gage, die das damals übliche Niveau erheblich überschritt. Als Gesamtgage für das Jahr 1960 wurde mit Kinski DM 42.000 ver- einbart. Als Anzahlung erhielt er von meinem Vater sofort DM 10.000 und flog nach Berlin zurück.“

1960 – In Wien mit Majakowskij

Am 16. November 1959 feiert im Theater am Kur- fürstendamm Der grüne Kakadu mit Kinski in der Hauptrolle eine umjubelte Premiere. Er be- reitet sich nun von Berlin aus in aller Ruhe und gewohnt diszipliniert auf seine erste große Tour- nee mit Gedicht-Rezitationen verschiedener Klassiker vor, die am 31. Januar 1960 in Ham- burg ihre Premiere haben soll. Bis dahin gibt Kinski in Berlin am 29. November einen weiteren Abend mit Schiller, am 26. Dezember mit Wilde und schließlich erstmals und als letzten Test vor der großen Tournee am 15. Januar 1960 einen Abend in Wien mit Kinski spricht Majakowskij, der nachfolgend in der „Wiener Zeitung“ negativ besprochen wird: „Kinski gab sich in Kleidung und Gehaben mit jener altväterlich-ungewandten Korrektheit, die in Filmlustspielen zur Charak-terisierung sowjetischer Diplomaten dient, und gefiel sich also diesmal in der Rolle sozusagen ei- nes leninistischen Wanderpredigers, oder eines marxistischen. Er sprach ruhig und mit unge- wohnt eintöniger, heller Stimme dreizehn Ge- dichte Majakowskijs. Nach jedem einzelnen ver- ließ er das Podium und heimste auf diese Weise 26 Abgangs- und Auftrittsapplause [...] ein. [...] Künstlerisch waren [die Gedichte] wenig interes- sant. Des Vermerkens wert war höchstens, daß im Großen Musikvereinssaal ein Publikum zum Lobe Moskaus und des Sowjetmenschen und zu eher banalen antiwestlichen Strophen Beifall klatschte. [...] Wir finden, daß Kinski nicht den richtigen Weg gewählt hat, den immerhin ange- sehenen sowjetischen Lyriker hierzulande popu- lär zu machen, und halten seinen Rezitations- abend nachträglich für überflüssig.“

1960 – Die Tournee beginnt

Hamburg, 31. Januar, Waterloo-MGM-Theater. Die erste Klaus-Kinski-Tournee beginnt und es wird für Kinski und die Gastspieldirektion Hoff- meister ein sensationeller Erfolg. Die Tournee „Kinski 1960“ ist bereits seit Wochen ausver- kauft. Seine Schallplatten verkaufen sich be- stens. Amadeo wirft nun im Monatsabstand Auf- nahmen seiner Rezitationen auf den Markt. Bei nahezu allen veröffentlichten Platten hat sich Kinski die Umschlag-Gestaltung vorbehalten. Das Tourneeplakat entwirft er zusammen mit Heinz Hoffmeister.

Kinski nimmt tränenüberströmt und über- glücklich am Ende seines Vortragssabends die Ovationen des Publikums entgegen – und einen Blumenstrauß aus den Händen von Heinz Hoff- meister. Das „Hamburger Abendblatt“ berichtet am 1. Februar von dem Ereignis: „Rimbaud und Villon von diesem Kinski zu hören, das ist ein Vor- gang von einer Magie, der sich schwer jemand wird entziehen können. Man glaubt, der Geburt der Verse beizuwohnen. [...] Manches mag und wird sehr bewußt sein; auf den Höhepunkten spricht ein brennender, trunkener Mensch. Das bis auf den letzten Platz, überwiegend von jün- geren Besuchern, besetzte Haus, feierte den Gast stürmisch.“

Am 7. Februar macht Kinski Station in Frankfurt/M. und die „Frankfurter Rundschau“ vermeldet: „Ein Abend oder eine Matinee mit Kinski, der angeblich Rimbaud, Villon, Schiller und Majakowskij spricht, tatsächlich aber, was interessanter ist, Kinski spielt, offenbart die In- flation ästhetischer Gefühle und künstlerischer Maßstäbe beim Publikum. Kinski wäre nicht die- ser Mythos Kinski, fiele sein Publikum nicht auf die Aura des Dulders und Märtyrers, des negati- ven Helden, des umgekehrten Demagogen her- ein, die Kinski um sich gelegt hat, kraft expressi- ven, pathetischen Sprechens und mit Hilfe der ‚Compagnie Kinski‘, die seine Public Relations besorgt. Wer aber ist dies offenbar doch unmün- dige Publikum? Es sind dieselben Leute, Akade- miker, Bibliothekarinnen, Angestellte, Studenten, junge Damen und alte Mädchen, die sich bei Premieren absurden Theaters als die Claqueure jeglichen Avantgardismus gebärden, die ‚action painting‘ diskutieren und in allen kulturellen Dingen eifrig auf der Höhe der Moderne sind. [...] Die ‚unsichtbaren Fäden, die die Menge mit ihm verbinden‘ (so das Programmheft), sind aus dem sublimen Material des Kitsches gesponnen. Die Methode Kinski nutzt in bewußter Rückwendung Formen des Vortrags, die heute aus der Mode ge- kommen sind. Seine Sprachgebärde ist die des übersteigerten Pathos, das außerordentlich wirkt, weil es antiquiert ist. Kinski tritt in einem Habit auf, [...] dastehend ‚gleich einer gotischen Heiligenfigur‘, mit der Gebärde der Duse. Die Hände gefaltet und schwach lächelnd, nimmt er die Huldigung der Hunderte entgegen, die sich um den Meister scharen wie um einen Religions- stifter. Das Vorurteil, mit dem man gekommen

Nach der Premiere der ersten Rezitations- tournee, Hamburg, 31. Januar 1960

war, an einem irrationalen Ereignis teilzuneh- men, ist eingelöst. [...] Es ist recht belanglos, wen Kinski rezitiert. [...] Die Gefühle, die er in der ‚Masse‘ hervorruft und ihr zugleich abnimmt, stammen aus jenen gefährlichen Bereichen des Bewußtseins, die die großen Rattenfänger des Jahrhunderts zu nutzen verstanden und verste- hen werden.“

Von Frankfurt aus führt ihn die Tournee über Bremen und Mannheim am 3. April nach Mün- chen. Endlich hat auch Gislinde Gelegenheit „ih- ren“ Nikolaus live auf der Bühne zu erleben. Effi Horn schreibt im „Münchner Merkur“ vom 5. April: „Ein Ereignis also. Erstanden aus dem Wunsch, den Glutatem des großen Pathos zu spü- ren, oder mehr aus der Hoffnung, das Enfant ter- rible der deutschen Bühne werde etwas anstel- len? [...] Kinski trat vor den gelben Vorhang in einem schmalen blauen Kinderanzug. Wenn erdie Arme ausbreitete, traten seine Handgelenke rührend aus den zu kurzen Ärmeln. Seine großen Hände preßten sich, als hätten sie dort Schmer- zen zu stillen, an die Leisten. [...] Exhibitioni- stisch in seiner Passion, als Phänomen mehr fas- zinierend, denn als Gestalter. [...] Schillers Balladen erlebten eine Wiedergeburt als komi- sches Kuriosum. Als jedoch ein Zuhörer [...] sein Lachen nicht mehr bändigen konnte, schrie Kin- ski-Damon, eben noch in schillersche Freundes- treue verstrickt, plötzlich in bester Villon-Tonart: ‚Geh raus, du Schwein!‘“

Nach München kommt er noch einmal nach Frankfurt/M., dann nach Düsseldorf und Bonn. Danach wird die Tournee bis September unter- brochen. Kinski spielt nun zum erstenmal in ei- nem Edgar-Wallace-Krimi mit. Nach mehr als drei Jahren Pause steht er wieder für einen Ki- nofilm vor der Kamera. Der Rächer wird vom 31.

Mai bis zum 20. Juni in München und London ge- dreht. Kinski spielt einen intriganten Filmdra- maturg; es wird einer der erfolgreichsten Kinofil- me des Jahres. Zwei Buchverlage versuchen mit je einem Bildband ausgewählter Kinski-Photo- graphien dem Phänomen auf die Spur zu kommen.

Über Kinskis Berliner Matinee am 4. Sep- tember berichtet Günther Grack im „Tagespiegel“ zwei Tage später: „[So] war am Sonntagvormittag der zum Filmsaal umgebaute Sportpalast mit seinen 2.000 Plätzen gerade groß genug, das Pu- blikum zu fassen. Und wieder fiel auf, wie viel Ju- gend darunter war. [...] Man empfindet ihn als fast gleichaltrig, man sympathisiert mit dem ju- gendlich-rebellischen Geist, dem er in der Wahl seiner Texte Ausdruck gibt, und man bewundert die Virtuosität der künstlerischen Leistung. [...] Anders als bei den vorigen, jeweils einem einzel- nen Dichter gewidmeten Malen hatte sich Kin- ski diesmal aus Texten von Villon, Rimbaud, Tucholsky, Majakowskij, Schiller und Wilde ein Programm zusammengestellt, das von revo- lutionär-anklägerischem Geist buchstäblich überschäumte. Es sei hier nur [...] Tucholskys Im- pression aus dem Nachkriegs-Berlin der frühen zwanziger Jahre Nebenan genannt, eine Szene, die das verlogene Pathos der Kriegervereine bloß stellt, dem Vortragskünstler Kinski im Wechsel zwischen drei Personen Gelegenheit zu virtuoser Entfaltung seiner stimmlichen und mimischen Mittel gibt und schließlich den herzlichsten und am längsten anhaltenden Beifall hervorruft.“

Diese Herbst-Tournee führt Kinski mit gleich- bleibendem Erfolg und einem aufsehenerregen- den Medienrummel um seine Person durch ganz Deutschland, um schließlich am 15. Dezember in Bad Hersfeld zu enden. Noch während der Tour heiratet er am 31. Oktober in Berlin-Charlotten- burg seine zweite Frau Ruth Tocki, die er im De- zember 1959 auf einer Party in Berlin kennenge- lernt hatte und ihn während der Tournee ständig begleitete.

Am 24. November 1960 begann in Bremen die bis Dezember 1962 andauernde Geschichte der mehr oder minder großen Kinski-Skandalauftrit- te im Rahmen seiner Rezitationstourneen. Eswar der Anfang vom Ende der großen Karriere des Deklamators. Klaus Hoffmeister, Sohn von Heinz Hoffmeister, Direktor der Gastspieldirek- tion, die Kinski bis Ende 1962 auf Tournee schickte, meint dazu heute: „Daß Kinski extrava- gant war, hatte sich schon herumgesprochen. Was er sich aber dann auf der ‚1960‘-Tour leiste- te, ging über Extravaganzen weit hinaus. In Bre- men demolierte er z. B. in dem luxuriösen Hotel Columbus sein Appartment 507. Anschließend verlegte er seine ‚Darbietungen‘ lautstark in die belebte große Hotelhalle. Doch das Ereignis fand einen programmwidrigen Abschluß. Nachdem es zwei Beamten des gegenüberliegenden Polizeire- viers nicht gelang, den wild um sich schlagenden und schreienden Schauspieler zu überwältigen, rückte eine Verstärkung von vier Polizisten im Gänsemarsch durch die Hoteltür an, deren An-drohungen sich Kinski willig fügte. Er wurde ab- geführt. Einsam zurück blieb nicht nur die vor dem Portal geparkte schwere Sportlimousine des Schauspielers, sondern auch die junge Ehefrau Kinskis. Sie saß unbeteiligt und ruhig im Wagen, gefaßt auf die Rückkehr ihres zungen- und schlagstarken Ehemannes wartend. Er kam schließlich nach ein paar Stunden deshalb frei, weil mein Vater garantierte, das werde sich nicht wiederholen. Am 2. Dezember 1960 in der Berli- ner Kongreßhalle erregten ihn die Erkältungsge- räusche seiner rund 1.100 Besucher. Mit der Fest- stellung: ‚Ich kann dieses Husten nicht mehr aushalten, ich mach’ mich doch nicht kaputt!‘ ver- ließ Kinski die Bühne. Die ‚Berliner Zeitung‘ schrieb damals über den Vorfall: ‚Erst nachdem etwa 40 Gäste unter Protest die Halle verlassen hatten, bequemte er sich, sein Programm fortzu- setzen. Aber wieder störte den Schauspieler ein Husten. Er war gerade bei der Bürgschaft ange- langt. Er unterbrach sie mit den Worten: ‚So eine Ungezogenheit!‘ und eilte erneut hinter die Büh- ne. Weitere Zuhörer holten ihre Garderobe. Ein Teil der Zurückbleibenden begann laut zu lachen, ein anderer zu klatschen. Kinski kehrte zurück und lieferte der Berliner Jugend den Rest der zweimal unterbrochenen Bürgschaft. Vorsorglich war ein Einsatzkommando der Schutzpolizei an der Kongreßhalle bereitgestellt worden.‘ Am 15. Dezember war dann diese Tournee schließlich zu Ende. Im gleichen Monat starb mein Vater und ich übernahm die Gastspieldirektion zusammen mit meiner Mutter. Im Januar 1961 begann ‚Der Spiegel‘ mit den Recherchen für eine Titelstory über das Phänomen Kinski. Unser Tourneereise- begleiter Speck, der Kinskis persönlicher väter- licher Betreuer war, und ich wurden dafür inter- viewt. Am 22. Februar 1961 erschien schließlich der große Artikel mit Kinski auf dem Cover – ‚De- klamator Kinski‘. Danach war Kinski zum deut- schen Superstar mutiert. Wir bereiteten eine neue Tournee mit ihm für das Frühjahr und den Herbst 1961 vor. Wegen Terminschwierigkeiten – Kinski war in den folgenden Monaten rund um die Uhr mit Dreharbeiten, u. a. mit Wallace-Fil- men beschäftigt – konnten wir im ganzen Jahrleider nur zwei Termine mit ihm durchführen, am 22. Mai in Berlin und am 27. Mai in München, na- türlich wieder ausverkauft. Kinski schlug mir daraufhin eine Tournee für den Herbst 1962, sei- ne nächste drehfreie Zeit vor. Berühmte klassi- sche Monologe wollte er erstmals auf Konzert- bühnen rezitieren, ein äußerst anspruchsvolles Programm, das er bis dahin neu erarbeiten woll- te. Ich begann die Hallen zu buchen. Premiere sollte am 13. Oktober 1962 in Berlin sein.“

1962 – Finale

Kinski bereitet sich über drei Monate in einem von ihm in München angemieteten Haus in der Ohmstaße intensiv auf seine große Tournee vor. Seine Gastspieldirektion beauftragt namhafte deutsche Photographen damit, ihn für das ge- plante Programmheft und für die Pressepräsen- tation in das rechte Licht zu rücken. In einem Berliner Atelier werden sechs verschiedene Ko- stüme für seinen Bühnenauftritt nach Entwürfen von Klaus Kinski geschneidert. Er erfüllt sich mit dieser Tournee seinen größten künstlerischen Traum, den er seit dem Beginn seiner Karriere 1945 hegt. Nun endlich kann er die berühmtesten Monologe der Theatergeschichte als Solist in ei- gener Regie – ohne störende Einflüsse – dekla- mieren.

„Ich spreche Kinski“, so betitelt Christiane Höllger von der „Berliner Zeitung“ einen Tag vor der Premiere, am 12. Oktober, ihren Bericht über die Generalprobe zu Kinskis letzter großen Tour- nee, die aber nur zwei Monate dauern sollte: „In einem Nebenraum bereitet man die Gewänder für Klaus Kinski vor. Die Perücke des Faust. Das schwarze Gewand des Hamlet. Scheinwerfer ste- hen auf der leeren Bühne eines Kinos am Ge- sundbrunnen. Hier hielt Kinski seine letzte Pro- be vor seinem Gastspiel im Sportpalast. Statt seiner steht jetzt eine Schneiderpuppe auf der Bühne. Zum Ausleuchten. Der Rest hüllt sich in Dunkel. Dann taucht vor der gespannten Lein- wand ein Schatten auf. ‚Soll ich vielleicht mit der Fresse hier lang laufen?‘ sagt der Schatten zu ei- nem Beleuchter. Es ist seine Stimme. Sie schallt

verärgert ins Leere. [...] Dann ein hohes Lachen zu dem Photographen: ‚Wollen Sie nicht die Pup- pe dort photographieren? Ha, ha, statt meiner, ha, ha, ha? ‘ Eine halbe Drehung, die Hand in die Hüfte gestützt: ‚Oder bringen Sie doch ein Titel- foto von mir. In Wien brachten sie das riesengroß auf der ersten Seite.‘ [...] ‚Ich lese keine Zeitun- gen. Politik interessiert mich nicht.‘ [...] ‚Ich tre- te grundsätzlich nur in großen Hallen auf‘, sagt er. ‚Bei mir sollen die jungen Menschen Goethe hören, ohne sich in den dunklen Anzug zu werfen, so als ob sie zu einem Motorradrennen gingen.‘ ‚Aber sie verändern doch Texte, auch Goethe‘, werfe ich ein. ‚Natürlich, ich mache sie mir zu- nutze. Den Faustmonolog zum Beispiel habe ich gekürzt. Andere Stellen aus dem Drama ange- hängt. Auch die Texte für meine Platten ich, ich spreche Kinski und nicht Goethe.‘ Mit dem Blick ins Leere spricht er noch manches. Nur einmal, als ich ihn einen Rezitator heiße, zögert er einen Augenblick, um mich stehen zu lassen. Dann sagt er nur, daß er keiner sei. [...] Später war ich Kinskis einziger Zuschauer. [...] Ich höre sie alle, seine Monologe. Ich sehe seine Zuckun- gen, seine Tränen. Seine Windungen am Boden. Beim Verlassen sehe ich, daß die Putzfrau im Foy- er beim Kehren inne hält: ‚Mein Gott‘, sagt sie ...“

Es folgt ein gnadenloser Verriß der Premiere durch den bekannten Berliner Theaterkritiker Wolf Jobst Siedler im „Tagesspiegel“ vom 17. Ok- tober: „[Er] selber sozusagen auf der langen Ge- raden stehend zuweilen allerdings, bei gegebe- nem tragischen Anlaß, mehr in liegender Gestalt,

die Ehrengäste in der linken Innenkurve, das hö- rende Fußvolk auf dem Heuboden. Irgendwo oben verbrauchte ein Lautsprecher scheppernd eine ganze Tschaikowskij-Symphonie, das Licht ver- losch, und in abenteuerlicher Gewandung ging dann die Dichtung scheinwerferbestrahlt von- statten. [...] Zwischendurch, in der Pause, konsu- mierte man Hand in Hand Apfelsaft und Bockwurst. Eine lächerliche Veranstaltung, die ihre peinlichen und sogar deprimierenden Aspek- te hatte, denn was da oben im Schlaglicht vor sich ging, war ja die Selbstausbeutung eines ruinier- ten und kranken Talents, dessen kaum noch kenntliche Trümmer in irregeleitetem Exhibitio- nismus sich präsentierten. [...] Dies also, was da in dichtgedrängten Reihen Mißfallenskundgebungen wütend nieder zischte, ist das Publi- kum, das vom Theater der Schulen in Barlogs oder Sellners Bühnen zu Genet und Schönberg geschleust wird – so viel Kunsthunger am spä- ten Sonnabend, so viel Selbstentäußerung auf Stöckelschuhen und in Ringelsocken: kein Tanz-

keller kann sie vom bildungswütigen Enthusias- mus abhalten und kein Sportereignis.“

Kinskis Stern als Deklamator sinkt von Auf- tritt zu Auftritt. Das Publikum strömt zwar noch immer in Scharen in die Hallen, aber offensicht- lich nur noch, um das „Wunder Kinski“, zu be- staunen und um selbst zu provozieren. Der Tour- neeleitung wird schnell klar, daß Kinski diesmal überreizt hat. Er überfordert einen Großteil sei- ner Zuschauer mit einem Übermaß an Kinski. Von Veranstaltung zu Veranstaltung werden die Gegen- und Abwehrreaktionen des Publikums massiver. Es kommt zu unglaublichen Skanda- len. „Flammenwerfer Kinski“, „Herr Kinski schlug wieder einmal zu ...“, „Der tägliche Kin- ski“, „Kinski verordnet Prügel“ und „Strafanzei- ge gegen Kinski“ sind nur einige der Schlagzeilen, die er in diesen Wochen produziert.

Von 18 gebuchten Auftritten bricht Kinski neun wegen tumultartiger Szenen vorzeitig ab, wie den in Marburg, worüber die „FAZ“ am 30. November berichtet: „Als einige [...] Besucher die allzu dramatischen Worte Kinskis mit Lachen quittierten, warf der Künstler einen mit fünf Ker- zen besetzten Leuchter voll Wut in die Kulissen und lief mit einem Zitat, das nicht aus dem Schil- lerschen Werk stammte, nämlich mit den Worten: ‚Verdammtes Scheiß-Provinzpack‘ von der Büh- ne. Die Vorstellung mußte daraufhin abgebro- chen werden. Der Künstler konnte erst unter dem Schutz von Polizeibeamten mit seinem Wagen den Hof des Filmtheaters verlassen und unter den Pfiffen und Buh-Rufen enttäuschter Besu- cher abreisen.“ Noch dramatischer verlief der Abend am 22. November in Heidelberg. Die „Frankfurter Allgemeine“ dazu: „Der zwanzig- jährige Schauspieler Björn Olander hat gegen Klaus Kinski Strafanzeige wegen Körperverlet- zung erstattet. Der Schauspieler, der an der Städtischen Bühne Heidelberg engagiert ist, er- klärte der Polizei, er sei nach einem Rezitations- abend Kinskis in der Heidelberger Stadthalle, bei dem es im Saal mehrfach zu tumultartigen Miß- fallenskundgebungen kam, von einem Begleiter Kinskis hinter der Bühne verprügelt worden. Kinski rezitierte gerade aus Schillers Don Carlosdie Stelle ‚Mein Vater – Versöhnung‘, als Olander aus dem Parkett rief: ‚Der König kann doch kei- nen Verrückten nach Flandern schicken!‘ Er ha- be sich zu diesem Zwischenruf ‚veranlaßt gese- hen‘, sagte Olander, weil der Monolog, den er gut kenne, nicht zum Anhören gewesen sei. Kinski habe ihn daraufhin nach der Vorstellung hinter die Bühne bitten lassen und plötzlich gerufen: ‚Die Sau muß geprügelt werden, daß sie auf allen Vieren davon kriecht!‘ Bei diesen Worten, so sag- te der junge Schauspieler aus, sei er von dem Be- gleiter des Rezitators derart geschlagen worden, daß es ihm nur mit Mühe gelungen sei, zu ent- kommen.“

Kinski und Hoffmeister beschließen die Tour- nee abzubrechen. Am 9. Dezember 1962 erleben die Besucher der Stadthalle in Wien Kinskis letz- ten Auftritt als Deklamator „klassischer“ Texte. Er verläuft störungsfrei. Am Tag zuvor gibt er der Journalistin Hermi Löbl vom „Express“ sein letz- tes Interview: „Eine halbe Stunde hatte er mir Zeit gegeben. Nach einer Stunde war er soweit, daß er nicht nur Monologe hielt, sondern auf Fra- gen Antworten gab. [...] Auf meine Kollegen ist er besonders schlecht zu sprechen. ‚Weil sie täglich hirnlos etwas nachdrucken, was gar nicht stimmt.‘ Er meint jetzt die bewußten Vorfälle. ‚Sie wollen doch nicht sagen, daß die von meinen Kol- legen erfunden wurden?‘ Kinski lacht. ‚Ach, soviel Phantasie haben die doch gar nicht. Natürlich ha- be ich Leuchter in die Menge geschleudert. Aber doch so, daß nichts brennen konnte. Ich weiß auch in der größten Raserei, was ich tue. Sonst wäre ich doch kein Schauspieler.‘ Jetzt ist nichts in seinem Gesicht als lausbübisches Vergnügen. Aber gleich darauf ist es voll Abscheu und Ekel. ‚Aber wenn man in meine Pianissimostellen im- mer wieder hineinhustet? Da hab’ ich einfach hin- untergeschrien: Kotz dich zu Hause aus! Nur, daß ich jemand tätlich angegriffen habe, dagegen wehre ich mich. Ich habe nur gesagt: Du wirst noch einmal auf allen Vieren kriechen, um eine Karte von mir zu kriegen.‘ Jetzt ist er wieder der Maßlose, der Größenwahnsinnige. ‚Ach Quatsch‘, sagt er, ‚ich bin der disziplinierteste Schauspieler der Welt. Ich arbeite schwer. Und ich verlange, daß sich auch das Publikum zwei Stunden diszi- pliniert verhält.‘ Das erste Argument, das ich gel- ten lasse. Daß er es dem Publikum mit seinen Ex- zessen nicht leicht macht, weiß er. ‚Aber deshalb kommen sie doch‘, sagt er grinsend. [...] Und un- ten ein in die Tausende gehendes Publikum, ‚das darauf wartet, daß mir der Schaum vor dem Mund steht. Das ist dann einfach, mich den Lite- ratur-Presley zu nennen. Es wäre für mich eine Erholung, in einem Ensemble den Hamlet zu spielen.‘ Warum er es nicht tut, will ich wissen. ‚Glauben Sie, daß das gut ginge? Man hält mich doch für verrückt. Ich bin der einzige, der weiß, daß ich es nicht bin.‘ “

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