































Die Show "WÜNSCH DIR WAS" -
Die Geschichte einer TV-Sensation - 1969 bis 1972
von Georg Seeßlen und Peter Reichelt (Hrsg.)
Vor und nach„Wünsch Dir Was“
Die gemeinsame Conference im Fernsehen von Dietmar Schönherr und Vivi Bach wurde in „Gala-Abend der Schallplatte“ und „Night-Club“ entwickelt. Zu ihren gemeinsamen Fernseharbeiten gehören „Du und Ich“, „Luftsprünge“ und „Sie und er“. Alle diese Sendungen, die wie Vorstudien und Seitenstücke zu der großen Samstag-Abend-Show „Wünsch Dir Was“ wirken, mit denen das Conference-Paar Mediengeschichte schrieb, waren auch so etwas wie ein öffentliches Abbild einer idealen, modernen und emanzipierten Partnerschaft. So wie Dietmar Schönherr und Vivi Bach zu sein, das war in den frühen siebziger Jahren ein beinahe erfüllbarer Traum.
Und wie in den einzelnen Karrieren ging es auch in ihrer gemeinsamen Arbeit immer auch darum, zwischen dem Entertainment und den Einsätzen als Gebrauchsschauspieler in Gebrauchsfilmen auch anspruchsvollere Aufgaben zu übernehmen. So gingen sie neben den TV-Auftritten auch gemeinsam auf Theater-Tournee, etwa mit Strindbergs „Fräulein Julie“ Ende der sechziger Jahre. Nach zehn Jahren Bühnen-Pause betrat Vivi Bach zusammen mit Schönherr mit „Liliom“ 1972 wieder die Bühne des Theaters an der Wien, und eine Tournee durch Österreich und Deutschland schloss sich an, kurz nachdem die letzte Folge von „Wünsch dir was“ ausgestrahlt worden war.
1973 folgte die Fernsehshow „Vivat Vivi“, die so wenig Erfolg zeitigte wie im Jahr darauf „Heute Abend bei Vivi“. „Vivat Vivi“ wurde nahezu ein Skandal-Misserfolg, der schließlich dazu führte, dass die Schauspielerin sich von dem Medium weitgehend zurückzog.
Dietmar Schönherr entwickelte unterdessen auch während der Arbeit an „Wünsch Dir Was“ weitere Konzepte, wie etwa eine Form von früher politischer Talk Show unter dem Titel „Zoom“, die einem heute gängigen Format (wie etwa bei „Boulevard Bio“) folgt. Allerdings durften damals die „Showblocks“ noch nicht fehlen, bei dem die prominenten Gäste zum Mitmachen aufgefordert werden.
Unter den Werbe-Auftritten wurden die gemeinsamen Filme, Fotos und Radiospots für das Waschmittel „Dash“ bekannt (mit einem für damalige Verhältnisse durchaus stolzen Honorar von 250 000.- DM für einen exklusiven Jahresvertrag), was aber sogleich zu weiterem Ärger mit dem ZDF führte. Schönherr agiert in den TV-Spots als Reporter, der Frauen in Supermärkten danach befragt, warum sie gerade „Dash“ gekauft haben. Gegen die Angriffe wehrte er sich mit dem Argument, er wollte mit dem Geld eine Stiftung für Kinder einrichten, die unter den Kriegsfolgen zu leiden haben, und seinen Film KAIN 70 finanzieren. Das Medium gab sich damals noch ausgesprochen moralisch, Dietmar Schönherr und Vivi Bach mit ihren Ideen waren das äußerste, was man sich an Experiment zu leisten gedachte, und im Gegenzug setzte man die beiden Entertainer einer erbarmungslosen moralischen Überwachung aus.
1983 kam es zu einer einmaligen Wiederaufnahme zum Jubiläum mit „Wünsch Dir was“, aber da erschien dies alles schon als eine nostalgische Rückschau auf ein vergangenes Kapitel der deutschen Pop-Kultur.
Dietmar Schönherr und das Fernsehen
Bildschirm-Experimente
Dietmar Schönherr war auch in jenen Jahren, als er noch in einem halben Dutzend Filme auftreten konnte, nicht auf das Medium beschränkt. Bereits 1957 hatte er seine erste Fernsehsendung. Mit einem Song aus der JAMES DEAN STORY („Let Me Be Loved“) nahm er eine Schallplatte auf. Das Buch Jugendbuch „Achtung, Aufnahme“ gab seine Erfahrungen bei Dreharbeiten wieder. Im selben Jahr schrieb er das Hörspiel „Nichts von Bedeutung“. Kurzum: Es gab wohl kaum einen Schauspieler in der deutschen Kino-Landschaft, der schon so früh so viel Erfahrung auch mit anderen Aspekten des Showbusiness und der Medien-Vermittlung hatte wie Dietmar Schönherr. So konnte er, was im Kino so gut wie unmöglich war, im Fernsehen nicht einfach als Darsteller und Erfüller wirken, sondern seine eigenen Ideen einbringen. Damit freilich war der Konflikt zwischen dem Menschen und dem Medienprofi auf der einen und dem Apparat auf der anderen Seite schon vorprogrammiert.
Diese Erfahrungen machten ihn zu einem experimentierfreudigen Grenzgänger, der auf seinen Reisen immer auch neue Ideen sammelte. Dietmar Schönherrs regelmäßige Arbeit für das Fernsehen begann schon in den sechziger Jahren, als das bundesrepublikanische Kino seine Krise noch nicht recht wahrhaben wollte und einige seiner Stars sich standhaft weigerten, den kleinen, schwarz/weißen Bildschirm mit ihrer Präsenz zu adeln. Und auch hier war seine Karriere durch eine enorme Bandbreite charakterisiert. Er trat als Schauspieler in einer TV-Version von Thomas Wolfes „Schau heimwärts Engel“ auf, präsentierte aber auch Unterhaltungssendungen wie „Besuch aus Paris“ und „Nightclub“.
Als Moderator von „Apropos Film“ versuchte er schließlich, zwischen den Medien zu vermitteln. Und zumindest für Österreich gab es immer auch den Dietmar Schönherr, der sich in die Filmpolitik mischte. Er versuchte, nach dem Modell des schwedischen Filminstituts eine Form der Filmförderung in Gang zu setzen, mit der man ein neues, anspruchsvolleres Kino zwischen Autoren-Ehrgeiz und Publikumsgeschmack vereinen hätte können.
Aber Dietmar Schönherr war auch sowohl durch sein Image der Modernität als auch durch seine schauspielerische Technik für das neue Medium prädestiniert. Er hatte das Zeug zum TV-Star, weil er seine darstellerische Aura zu kontrollieren verstand. Er musste nicht überlebensgroß sein und pflegte ein durchaus Ensemble-orientiertes Spiel. Vor allem zeichnete ihn eine Fähigkeit aus, die im deutschen Fernsehen ansonsten eher rar war, eine lockere Art der Improvisation. Das war freilich auch das Problem in seiner Karriere: Das Impulsive führte gelegentlich auch zu Situationen, die dem Biedersinn des Mediums zuwiderliefen. Dietmar Schönherr war als Conferencier und Präsentator immer so beliebt wie gefürchtet. Spielte er in der deutschen Kinolandschaft eine moderate, ausgleichende Rolle, war er ein vielseitiger und disziplinierter Schauspieler, so schien er das kleine Format immer als enfant terrible sprengen zu wollen. Auch darin vielleicht ist er symptomatisch: Zu „normal“ für das große internationale Kino, zu ungewöhnlich für das biedere deutsche Fernsehen.
Neben einer Reihe von Serien und einzelnen Filmen machte ihn eine Rolle populär, die zu einem Wagnis für alle Beteiligten gehörten: Deutsche Science Fiction! Seine Hauptrolle in „Raumpatrouille“ (siehe Seite ---) war durchaus auch ein Karriere-Wagnis. Aber im Nachhinein scheint es, als hätte es keinen Schauspieler gegeben, der so viel „Modernität“ und so viel „Deutschheit“ miteinander verbinden konnte.
Möglich also, dass sich dieser Diskurs des „Modernismus“ weiter durch unseren kollektiven Traum und durch die mediale Präsenz von Dietmar Schönherr zieht. Denn auch seine drei großen mythischen Fernseh-Programme (die in diesen Fällen wohl wirklich so etwas wie „Programm“ waren), stehen, jede für sich im Zeichen der Modernität und der Modernisierung: Die große Samstagabendschau „Wünsch Dir Was“ mit dem, was man damals gar als „Skandale“ empfand, die Einführung der Talk Show in das deutsche Fernsehen mit „Je später der Abend“ und schließlich die Abenteuer von „Raumschiff Orion“, die trotz ihrer beinahe schon wieder legendär bescheidenen Produktionstechnik die einzige deutsche Science Fiction-Serie wurde, die sich (nicht nur) unter den SF-Fans einen Kult-Status erobern und sogar behalten konnte.
Und vielleicht daher war auch die Kritik, die Dietmar Schönherr immer wieder zu gewärtigen hatte, nicht nur Kritik an seinen eigenen individuellen Wagnissen, die er durchaus immer wieder einging, sondern auch, umfassender, eine stetige Kritik aus dem Mainstream am Konzept der Moderne und am Konzept der Modernisierung überhaupt. Dietmar Schönherr war so etwas wie ein Stachel der Modernisierung im Fleisch des Mainstreams, ein Element von Unruhe und Veränderung, das sich auch nie ganz nach „außen“ verbannen ließ, wie andere unliebsam gewordene Personen und Ideen.
Nach den skandalösen Erfolgen von „Wünsch dir Was“ und „Je später der Abend“, wurden die Aufgaben bescheidener. Die Quizsendung „4 + 4 = Wir“ lief 1977 im ZDF. 1980 folgten 13 Folgen der Serie „Welt der Tiere“.1981 schließlich übernahm er zusammen mit Leonie Ossowski die Leitung des Kulturmagazins „Arena“ in der ARD. Da war freilich jemandem zuzusehen, der auch diese „kleineren“ Aufgaben zu einer Herzensangelegenheit machte. Vielleicht im Bewusstsein eines Menschen, der mindestens drei der bedeutendsten Kapitel in der Geschichte des Mediums (mit) geschrieben hat.
„Progressive Showmaster“ und eine „antiautoritäre“ Fernsehshow
Am 20. Dezember 1969 begann die Produktion der Spielschau „Wünsch Dir Was“, die vom Österreichischen Rundfunk und vom ZDF in gemeinsamer Produktion abwechselnd aus Wien und Mainz als Life-Ereignis ausgestrahlt wurde. Die redaktionelle Leitung lag in Wien. Die Spielidee ist denkbar einfach aber durchaus brisant: Es geht um den Wettbewerb von drei Familien aus der BRD, Österreich und der Schweiz, die in einigen Spielen in Theorie und Praxis ihren Zusammenhalt und ihre Harmonie unter Beweis stellen müssen. Es wird getestet, ob sich die Männer an die gemeinsamen Erlebnisse erinnern, die den Frauen wichtig sind, ob Eltern wissen, was ihre Kinder denken, und schließlich muss man sich bei der Bewältigung gemeinsamer Aufgaben bewähren. Der siegreichen Familie wird ein langgehegter Wunsch erfüllt, der sich allerdings nicht auf etwas bloß „nützliches“ beziehen darf.
Eine Test-Sendung wurde am 7. September 1969 in der Stadthalle Wien aufgezeichnet aber nicht gesendet. Vom Samstag Abend des 20. Dezembers schließlich wurde „Wünsch Dir Was“ regelmäßig in sechswöchigem Rhythmus ausgestrahlt. Die Sendung versammelte einige der Namen, die für „progressive“ Tendenzen in der Unterhaltung standen: Michael Pfleghar, Guido Baumann, Peter Hajek und der Regisseur Peter Behle. Entsprechend waren die Anfeindungen in der rechten und der bürgerlichen Presse von Anbeginn an.
Die Konzeption dieser Familienshow schien zunächst geradezu prädestiniert, in der traditionellen Weise der Wochenendunterhaltung im deutschen Fernsehen für Harmonie zwischen den Generationen zu sorgen. Aber das Format eignete sich, wie man bald bemerkte, auch dazu, nicht nur geheime Wünsche, sondern immer einmal wieder geheime Konflikte ans Licht zu bringen. Schönherr und Bach legte es darauf an, solche Konflikte zu dramatisieren, ohne allzu viel an Kontroverse zu generieren. Es war ein in Maßen so antiautoritäres wie aufklärerisches Konzept. Die zu erzielende Harmonie wäre dann nur über jene Ehrlichkeit zu erzielen, die Schönherr am Anfang so vergeblich von seinen Kandidaten erwartete, die stattdessen in der Regel „diese heile Welt dem Publikum nur vorspielen“. Diesen Traum von der heilen Welt, an dem Dietmar Schönherr und Vivi Bach reichlich mitgewirkt hatten, galt es nun, ein wenig anzukratzen. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Und das Ziel war es, auf so unterhaltsame Weise wie nur denkbar, die Beziehung der Generationen auf eine neue, etwas ehrlichere Weise zu begründen.
Nicht zuletzt ging es dabei auch darum „Vorurteile abzubauen“, was in diesen Jahren, in denen die Kulturen und Anschauungen der Generationen zum Teil durchaus erbittert (und von jeweiligen Medien erheblich geschürt) auseinander drifteten, zu einem schweren Handwerk der Versöhnung wurde, das sich obendrein möglichst leicht ansehen und –hören sollte. Gewiss sah man Schönherr und Vivi Bach des öfteren auch an, was sie sich da auf die Schultern geladen hatten.
So besuchte eine „Kommune“ die Show, die sich dann freilich so brav (und so hierarchisch) zeigte, wie es eine bürgerliche Familie kaum fertig gebracht hätte. Dennoch produzierte die Sendung unentwegt Ideogramme der neuen Liberalität. Für Schönherr war es wichtig, „wenn ein Vater in dieser Sendung vor der Kamera sagt, dass er nichts dagegen hätte, wenn seine Tochter in eine solche Kommune ziehen würde. Man darf ja nicht vergessen, dass der Mann in seine Heimatgemeinde zurückkommt und sich vor seinen Bekannten und Verwandten verantworten muss“.
Für Schönherr wurde die Arbeit an „Wünsch Dir Was“ gewiss auch so etwas wie eine soziale Recherche. Und zur gleichen Zeit war die Sendung ein Test für die Liberalität der deutschen Gesellschaft. „Dieser Mann liebt die Familie nicht, das beweisen mir seine seltsamen Quiz-Ideen , und das ZDF räumt ihm die besten Sendezeiten am Samstag ein, um seinen Hass auf alles Heile in dieser Welt, und besonders auf intakte Familien, millionenfach zu entladen“, hieß am 14.4. 1971 in der praline.
Autoritätsverletzungen gehörten auch zur inneren Struktur der Sendung. Berühmt wurde Schönherrs Sprung ins Delphin-Becken, der gegen alle Anweisungen der Produzenten erfolgte: „Mut vor den Thronen der Fernsehfürsten“, attestierte die Fernsehzeitschrift Hör Zu. Eher ein Bild als das Wesen der Sache, aber eine Erinnerung an etwas Unerhörtes: Zivilcourage in einer öffentlichen Anstalt der deutschen Bilderfabrik. Damit hatte niemand gerechnet.
Der zweite Aspekt war ein gewisses Spiel mit der Gefährlichkeit mancher der Aufgaben, die die Familien zu lösen hatten. Dazu gehörte etwa der Griff in ein Schlangen-Terrarium nach einem Geldschatz. Als es bei einer Spielrunde im Jahr 1971 darum ging, dass sich die Familien aus einem in einem Wasserbassin versenkten Automobil befreien, schien man beinahe an einer der größten Fernseh-Katastrophen vorbeigeschrammt, nachdem die gesundheitlich angeschlagene Mutter einer teilnehmenden Familien mit Rettungsschwimmern aus ihrer misslichen Lage befreit werden musste. Dennoch wurde nicht viel später eine neue Spielidee entwickelt, in der sich die Familien aus brennenden (Kulissen-) Häusern retten mussten, was zu heftigen Widersprüchen des ZDF führte. In dieser Zeit schien in der Tat das Konzept förmlich zu zerplatzen; so sollte der Vater in einem Spiel als „Scharfschütze“ auf den eigenen Sohn schießen. Nun ging es für den Apparat darum, das erfolgreiche und umstrittene Produkt zu domestizieren. Es sei, so Dr. Holzammer in einem Brief an seinen österreichischen Kollegen, bei den neuen Spielrunden zu vermeiden, „dass die Gefühle der sich für die Spiele zur Verfügung stellenden Familien zu öffentlichen Lustobjekten werden“. In Zeiten von „Jackass“ mag das vorgeschlagene Material beinahe schon wieder harmlos erscheinen, für das Publikum der beginnenden siebziger Jahre war es definitiv zu viel.
Schließlich wurde in der Presse angekündigt, Dietmar Schönherr werde sich öffentlich in der Sendung gegen die Zensurmaßnahmen durch Professor Holzammer wenden, was zur eigenartigen Suspense-Konstruktion rund um diese Sendung zu passen schien. Die entsprechenden Distanzierungen entspannten das Klima auch nicht mehr sonderlich. Im Januar 1972 drohte das ZDF mit der Aufkündigung seiner Beteiligung, als das Spiel mit der versteckten Kamera zum Thema „Herbergssuche“ wieder die Toleranzgrenze überschritt.
Und als sich Dietmar Schönherr in der Öffentlichkeit mit ungewohnt harrschen Worten zur Wehr setzte, die gegen die Sendung und vor allem gegen sein Film-Projekt eiferten („Aber weil ich als Patriot, als blöder Patriot, diesen Film für dieses Land machen wollte, darum setze ich mich jetzt diesen Angriffen von solchen Arschlöchern aus“), rückte gar der Programmdirektor des Österreichischen Rundfunks, Dr. Helmut Zilk, von ihm ab: „Der Moderator der bedeutendsten Familienunterhaltungssendung im deutschsprachigen Fernsehen muss sich der Verantwortung dieser Funktion in allen Sendungen bewusst sein und kann nicht einmal die Rolle des ‚wilden Mannes’ und das nächste Mal die des glaubwürdigen Familenshowmasters spielen. Das bringt uns alle insgesamt beim Publikum in Misskredit“. Immer wieder schien es einen Diskurs der „heiligen Familie“ gegen die Erosionen des linken Liberalismus zu geben.
Neben den „Geschmacklosigkeiten“, zu denen die mehr oder weniger legendäre Geschichte mit dem barbusigen Auftritt einer Schülerin gehörte (genauer gesagt handelte es sich um ein durchsichtiges Kleidungsstück; der Vater hatte zuvor definitiv darauf bestanden, seine Tochter so gut erzogen zu haben, dass sie „so etwas“ nicht anziehen würde) und der „Gefährlichkeit“ der Spiele war der Kritik freilich am allermeisten das politische Engagement der Showmaster zuwider. Das Bild dafür lieferte die sogenannte „Nelken-Affäre“. Schönherr war mit einer roten Nelke aufgetreten, die sofort als politische Parteinahme verstanden wurde, und noch während der Sendung wurde der massive Protest in den Veranstaltungsort getragen, was den Showmaster zu einer recht beleidigten Reaktion veranlasste.
Damit hatte „Wünsch Dir Was“ sozusagen drei Ideogramme für eine Veränderung der Nachkriegsgesellschaft geliefert, die als Bild zwischen der rechten Kritik und dem linksliberalen Diskurs der frühen siebziger Jahre flotierten. Für den Mainstream war es gleichsam die Sendung, die man zu hassen liebte: Hohe Einschaltquoten bei gleichzeitig denkbar schlechter Beurteilung durch die Zuschauer ergeben ein Bild einer Inszenierung lustvoller Empörung. Und dieser Diskurs, so scheint es, hat eine bizarre Mischung aus Intrigen und Kämpfen, persönlichen Abhängigkeiten, Unsicherheit und Eitelkeiten entsprochen, von denen immerhin genügend Bruchstücke in die Öffentlichkeit gelangten, um zum Teil dieser Inszenierung zu werden. Für einen Teil des Publikums war Dietmar Schönherr vielleicht der erste Märtyrer in der Geschichte des Mediums in Deutschland.
Denn gescheitert war da nicht nur eine Person und eine Konzeption der Fernsehunterhaltung, gescheitert war auch ein bescheidener Versuch der Demokratisierung in der Produktion: Die Ideen der Sendung wurden ausdrücklich von einem „Team“ erarbeitet; „es war die erste Sendung, in der keine Namen erschienen. Wir haben uns als Team verstanden, und so wurde die Sache auch verkauft. Wir haben das zusammen erdacht“ (Schönherr).
Nach drei Jahren und 24 Sendungen schien auch den Beteiligten die Zeit zum Aufhören gekommen. Aber selbst nach dem Ende von „Wünsch Dir Was“ hallte ein Echo dieser merkwürdigen medialen Revolte nach; und oft genug wurde Dietmar Schönherr auch persönlich für das Scheitern des Experiments verantwortlich gemacht. In Wahrheit freilich war er selbst das Experiment, die einzige Person in der deutschen Medienlandschaft, die einen solchen Spagat zwischen Mainstream und Eigensinn überhaupt hätte wagen können: Die Sendung war schließlich unter vielem anderen eine biografische Matrix der verlorenen Generation zwischen Selbstzweifel, Anpassung und Anspruch. Nach „Wünsch Dir Was“ war das deutsche Fernsehen ein anderes. Und umgekehrt hatten die Erfahrungen mit dem populär-ungeliebten Format auch den „Showmaster“ verändert: „Auf alle Fälle war das der Bruch mit der heilen Welt für mich“.
Aber am Ende scheiterte die Sendung wohl nicht allein an dem Autoritätskonflikt zwischen dem Apparat und den Moderatoren, sondern auch an einem grundsätzlichen Missverständnis, der freilich der populären Aufklärung der siebziger Jahre eingeschrieben und von ihren Protagonisten wohl nur schwer zu durchschauen war: Das Publikum goutierte, wenngleich wohlig erschauert und „empört“ für den Augenblick den sexuellen, den hedonistischen Aspekt der Öffnung, es nahm den mehr oder weniger demokratischen Umbau der Familie, der sich da in aller Öffentlichkeit vollzog, zur Kenntnis und passte sich den Veränderungen von Kommunikationsformen an. Aber dort, wo es um die Veränderung des politischen Bewusstseins ging, wo ein gesellschaftlicher Wandel eingefordert wurde, der über die Abwägung kleiner Vorteile für kleine Eingeständnisse im Alltag hinausgehen, verweigerte es die Gefolgschaft. Die populäre Aufklärung der siebziger Jahre erzielte die Veränderung der Geschlechter- und Familienrollen (in einem gewissen Maß), scheiterte aber radikal an der gesellschaftlichen Praxis und einem Projekt des „Mehr Demokratie Wagens“ und vielleicht noch heftiger an einem Projekt, aus den unterhaltsamen Elementen auch einen diskursiven Fortschritt in der Kulturindustrie zu erzielen.
„Wünsch Dir Was“ war also nicht nur für Fortschritt und Beharrung im deutschen Fernsehen symptomatisch, sondern auch für das Scheitern eines Paktes zwischen Aufklärung und Unterhaltung. Und Dietmar Schönherr war ein Subjekt dieses Scheiterns, dem von „rechts“ wie von „links“.
Denn ohne dass jemand das damals hätte vorher sehen können bot „Wünsch Dir Was“ schließlich auch den Keim zu dem, was man später als „Trash TV“ gewiss nicht ohne Recht zu verurteilen pflegte. Dazu gehörte etwa der Plan, statt der intakten auch einmal „kaputte“ und getrennte Familien einzuladen: „Die könnten dann vor der Kamera über ihre Probleme reden und mal sagen, warum das so ist“. Auch daran „zum Beispiel Arbeiterfamilien“ (so etwas gab es damals offensichtlich noch) einzuladen. Wie kraus schließlich noch die Zerfallsprodukte einer Klassengesellschaft auf ein derartiges Ansinnen reagierten (ähnlich wie zu dieser Zeit auf eine Familienserie aus dem „Arbeitermilieu“, Rainer Werner Fassbinders „Acht Stunden sind kein Tag“), zeigen die Kritiken in der Presse und im ORF: „Spiele für Arbeiter müssen anders gemacht sein. Über den Grundton einer Sendung mit Arbeiterfamilien müssen grundsätzliche Überlegungen angestellt werden. Auf keinen Fall dürfen sie sich – wollen wir der Ideologie der Sendung gerecht werden – in der selben oder auch nur ähnlichen Atmosphäre bewegen, wie die Familien der ‚gehoben Mittelschicht’“ – so schrieb schlecht gelaunt Kuno Knöbl an den „Lieben Dietmar“ und „alle Mitglieder des WDW-Teams“. Und auch die Schlussfolgung ist eher entlarvend: „Nach wie vor ist es eines der wesentlichsten Elemente der Sendung, sozialkritisch zu sein oder zumindest so zu wirken. Bei den Mittelständler ging das bisher relativ einfach – vielleicht auch deshalb, weil ihre Gedankenwelt den Mitliedern des Teams näher zu stehen scheint als die Gedanken der Arbeiterschaft“.
Der Auflösung der starren Konventionen, der schlichten Heuchelei im deutschen Fernsehen folgte nun aber eben nicht das ehrliche, sondern vielmehr das radikal entgrenzte Fernsehen in Deutschland, und in dem war weder für Schönherr noch für Vivi Bach ein zentraler Platz reserviert.